Sommerlicht: Roman

Sommerlicht: Roman

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Overview

Ein altes Puppenhaus, ein tragisches Erbe und ein schicksalhaftes Geheimnis ... Leonora Walsh, Tochter eines berühmten Malers, feiert ihren 75. Geburtstag. Und alle kommen ins herrschaftliche Haus am See. Doch jeder Gast – Töchter, Enkel, Freunde – bringt mehr als nur Geschenke. Die schmerzhafte Vergangenheit hat bei allen Generationen Spuren hinterlassen. Dann taucht ein Fernsehteam auf, das eine Dokumentation über Leonoras Vater, den geheimnisumwitterten Künstler Ethan Walsh, drehen will. Der hat im Testament verfügt, dass seine Bilder niemals das Familienanwesen verlassen dürfen. Doch manche Dinge lassen sich nicht für immer verstecken und drängen irgendwann an die Oberfläche …

Product Details

ISBN-13: 9783894807887
Publisher: Blanvalet
Publication date: 04/03/2003
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 540
File size: 945 KB

About the Author

Adèle Geras ist eine der renommiertesten Autorinnen Englands. Ihre Bestseller "Sommerlicht" und "Die Windtänzerin" eroberten im Sturm die Herzen ihrer Leserinnen. Geboren 1944 in Jerusalem, wuchs Adèle Geras unter anderem in Nigeria, Borneo und Gambia auf. Sie studierte Französisch und Spanisch in Oxford und arbeitete als Sängerin und Französischlehrerin. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Manchester.

Read an Excerpt

Was du nicht weißt, das kann dir nichts anhaben. Aber sie weiß es doch, und sie muss vergessen, was sie weiß. Sie muss so tun, als wisse sie nichts, als hätte sie nie etwas gewusst, sonst wird es kommen und sie verletzen. Das Haus... dort wohnt das Geheimnis, und sie will am liebsten gar nichts wissen und ganz weit weg sein.
Sie steht am Fenster. Kein Windhauch bewegt die weißen Vorhänge, und das Gras liegt trocken und braun unter den letzten Sonnenstrahlen. Es ist Sommer, früher Abend, und sie ist noch nicht im Bett. Sie ist schon fast acht Jahre alt, und es ist noch viel zu früh zum Schlafen. Alle machen irgendetwas, und niemand achtet auf sie. Die Bäume werfen schwarze Schatten auf den Rasen, und die späten Rosen sind von einem Goldschimmer überzogen. Durch das Laub der Trauerweide glitzert silbrig das Wasser; das ist der See. Schwäne schwimmen dort, und sie könnte ans Ufer gehen, um den weißen Vögeln zuzuschauen. Niemand würde es wissen, und was du nicht weißt, das kann dir nichts anhaben.
Sie muss über den Teppich mit dem Muster aus Blumen und verschlungenen Bäumen laufen, und dann geht die Tür auf, und sie ist im Flur, und dort ist es immer dunkel, selbst wenn draußen die Sonne scheint, und alles ist in dichtes Schweigen gehüllt, das sich bis zur Treppe ausbreitet, und sie muss auf Zehenspitzen hinuntergehen, um die Ruhe nicht zu stören. Die Gemälde an den Wänden starren sie an. Stilleben und Landschaften ergießen seltsame Farben und ihr eigenes Licht in die Stille, und die Porträts rufen hinter ihr her, aber sie kann sie nicht hören. Der Marmorboden in der Halle ist wie ein schwarzweißes Schachbrettmuster, und sie hüpft über die schwarzen Quadrate hinweg, weil sonst bestimmt etwas Schlimmes passiert. Vielleicht hat sie ja auch auf dem Weg in den Garten ein schwarzes Quadrat berührt, aber das zählt doch nicht, oder?
Dann ist sie auf dem Rasen, und die Luft ist weich, und sie läuft, so schnell sie kann, die Terrassenstufen hinunter, vorbei an all den Blumen und an den zu Kegeln, Bällen und Spiralen gestutzten hohen Hecken vorbei, bis sie den Wilden Garten erreicht, wo die Pflanzen ihren Rock streifen, und sie läuft und läuft bis zu der Stelle, wo immer die Schwäne waren, aber jetzt sind sie fort. Sie sind zum anderen Ufer geschwommen. Sie kann sie sehen. Es ist nicht so weit, also läuft sie dorthin.
Etwas erregt ihre Aufmerksamkeit. Im Schilf ist ein dunkler Fleck im Wasser, und als sie genauer hinschaut, sieht es aus wie ein Laken oder ein Tuch, unter Wasserpflanzen und graugrünen Weidenästen mit ihren fingerdünnen Blättern halb verborgen. Wenn sie näher heran könnte, dorthin, wo das Wasser ans Ufer schlägt, könnte sie danach greifen, es zu sich heranziehen und nachsehen, was es ist. Das Wasser ist kühl auf ihrer Hand, und aus dem Stoff ragt etwas hervor, das aussieht wie ein Fuß. Ob da jemand schwimmt? Niemand schwimmt, ohne sich zu bewegen.
Plötzlich ist ihr ganz kalt, und was sie nicht weiß, das kann ihr nichts anhaben, aber sie weiß, dass hier etwas nicht stimmt. Das hier ist schlimm. Sie sollte besser weglaufen und jemanden holen, aber sie muss doch die Hand nach dem dunklen Tuch ausstrecken, das auf der Oberfläche des Sees liegt. Sie zieht daran, und etwas Schweres gleitet auf sie zu, und die Zeit wird zu einer Ewigkeit, und da ist ein Gesicht mit glasigen, offenen Augen und blasser, grünlicher Haut, und die Haare ganz lose, wie Tang schweben sie um den offenen Mund, und sie spürt, dass sie anfängt zu schreien, aber es ist kein Laut zu hören, und sie dreht sich um und rennt zurück zum Haus. Jemand muss kommen. Jemand muss ihr helfen, und sie rennt, um sie zu rufen, und sie schreit, aber niemand kann sie hören. Nasse Finger steigen aus dem See auf und strecken sich über das Gras bis zum Haus, um sie zu berühren. Sie kann sie spüren, auch dann noch, als sie schon ganz alt ist; sie kennt diese Finger, und sie kennt jede Falte des nassen Kleides und die blicklosen Augen, aus denen das Silberwasser strömt, und auch das aufgelöste Haar.
Alles weiß sie jetzt, und sie kann nie mehr aufhören, davon zu wissen.

Mittwoch, 21. August 2002

Ich bin allergisch gegen meine Mutter, dachte Rilla. Sie lehnte sich in der Wanne zurück, schloss die Augen und ließ sich vom heißen Wasser und dem Vanilleduft des Schaums einhüllen. Es passierte jedesmal. Die Schlange kam zurück. Sie konnte spüren, wie sie sich in ihrem Versteck aufrollte, so tief in ihrem Kopf, dass sie sie die meiste Zeit vergaß. Eine weiße Schlange, so stellte Rilla sie sich vor, die sich zuckend entrollte und durch ihre Gehirnwindungen glitt, um ihr Kopfschmerzen zu bescheren. Spannungskopfschmerzen, hatte der Arzt gesagt, als Rilla das Problem einmal zur Sprache brachte, aber sie hatte ihm natürlich nicht erzählt, was die Schmerzen wirklich verursachte. Sie wusste es ganz genau. Es war Leonora, ihre Mutter, aber nicht nur sie allein. Ich bin allergisch gegen alles dort, sagte sie sich. Willow Court, Gwen, das ganze Drum und Dran. Es ist immer dasselbe, wenn ich dorthin muss: Die weiße Schlange gleitet durch meinen Kopf, und mein Herz schlägt seltsam. Sie lächelte. Nach ein paar Stunden in Gesellschaft ihrer Mutter erholte Rilla sich für gewöhnlich so weit, dass sie mehr oder weniger normal funktionierte, aber sie konnte der Tatsache nicht entrinnen: Die Aussicht, Leonora besuchen zu müssen, erfüllte sie mit Angst.
Wovor hatte sie bloß Angst? Sie blickte sich in ihrem Badezimmer, ihrem Hafen, ihrer Zuflucht, um. Diesen Raum liebte sie am meisten auf der ganzen Welt. Ihr kleines Haus (Wie klug von dir, Liebling, dir so ein hübsches, kleines Haus zu kaufen. Und dann noch in Chelsea!, hatte Leonora damals gesagt) war, je nach Standpunkt des Betrachters, entweder von oben bis unten renovierungsbedürftig oder der Gipfel künstlerischer Lebensart.

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