Die Nachtigall: Roman

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eBook5. Auflage (5. Auflage)

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Overview

Zwei Schwestern. Die eine kämpft für die Freiheit. Die andere für die Liebe. Der Weltbestseller – die Nr. 1 aus den USA.

Zwei Schwestern im von den Deutschen besetzten Frankreich: Während Vianne ums Überleben ihrer Familie kämpft, schließt sich die jüngere Isabelle der Résistance an und sucht die Freiheit auf dem Pfad der Nachtigall, einem geheimen Fluchtweg über die Pyrenäen. Doch wie weit darf man gehen, um zu überleben? Und wie kann man die schützen, die man liebt?

In diesem epischen, kraftvollen und zutiefst berührenden Roman erzählt Kristin Hannah die Geschichte zweier Frauen, die ihr Schicksal auf ganz eigene Weise meistern. In den USA begeisterte „Die Nachtigall“ Millionen von Lesern und steht seit über einem Jahr auf der Bestsellerliste. 

„Ich liebe dieses Buch – große Charaktere, große Geschichten, große Gefühle." Isabel Allende.


Product Details

ISBN-13: 9783841211262
Publisher: Aufbau Digital
Publication date: 09/19/2016
Sold by: Libreka GmbH
Format: eBook
Pages: 608
File size: 3 MB
Language: German

About the Author

Kristin Hannah, geboren 1960 in Südkalifornien, arbeitete als Anwältin, bevor sie zu schreiben begann. Heute ist sie eine der erfolgreichsten Autorinnen der USA und lebt mit ihrem Mann im Pazifischen Nordwesten der USA. Nach zahlreichen Bestsellern waren es ihre Romane »Die Nachtigall« und »Die vier Winde«, die Millionen von Leser:innen in über vierzig Ländern begeisterten und Welterfolge wurden.
Im Aufbau Taschenbuch liegen ebenfalls ihre Romane »Die Nachtigall«, »Die andere Schwester«, »Das Mädchen mit dem Schmetterling«, »Die Dinge, die wir aus Liebe tun«, »Die Mädchen aus der Firefly Lane«, »Liebe und Verderben«, »Winterschwestern«, »Der Junge von Angel Falls« und »Die vier Winde« vor.


Karolina Fell studierte Philologie und Geschichte und übertrug unter anderem Werke von Jojo Moyes ins Deutsche. Sie lebt als freie Übersetzerin in Berlin.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

EINS 9. April 1995 AN DER KÜSTE VON OREGON

Wenn ich in meinem langen Leben eines gelernt habe, dann ist es Folgendes: In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind. Heutzutage wollen die jungen Leute alles über jeden wissen. Sie denken, über ein Problem zu reden wäre schon die Lösung. Ich stamme aus einer schweigsameren Generation. Wir haben verstanden, welchen Wert das Vergessen hat, wie verlockend es ist, sich neu zu erfinden.

In letzter Zeit allerdings ertappe ich mich dabei, wie ich an den Krieg denke und an meine Vergangenheit, an die Menschen, die ich verloren habe.

Verloren.

Das klingt, als hätte ich meine Liebsten irgendwo verlegt; sie vielleicht an einem Ort zurückgelassen, an den sie nicht gehören, und mich dann abgewendet, zu verwirrt, um wieder zu ihnen zurückzufinden.

Aber sie sind nicht verloren. Und auch nicht an einem besseren Ort. Sie sind tot. Heute, wo ich das Ende meines Lebens vor mir sehe, weiß ich, dass sich Trauer ebenso wie Reue tief in uns verankert und für immer ein Teil von uns bleibt.

Ich bin in den Monaten seit dem Tod meines Mannes und meiner Diagnose sehr gealtert. Meine Haut erinnert an knittriges Wachspapier, das jemand zum Wiedergebrauch glattstreichen wollte. Meine Augen lassen mich häufig im Stich – bei Dunkelheit, im Licht von Autoscheinwerfern oder wenn es regnet. Diese neue Unzuverlässigkeit meiner Sehkraft ist nervtötend. Vielleicht schaue ich deshalb in die Vergangenheit zurück. Die Vergangenheit besitzt eine Klarheit, die ich in der Gegenwart nicht mehr erkennen kann.

Ich stelle mir gern vor, dass ich Frieden finde, wenn ich gestorben bin, dass ich all die Menschen wiedersehe, die ich geliebt und verloren habe. Dass mir zumindest verziehen wird.

Aber ich weiß es besser.

*
Mein Haus, das von dem Holzbaron, der es vor mehr als hundert Jahren erbaute, The Peaks getauft wurde, steht zum Verkauf, und ich bereite meinen Umzug vor, wie mein Sohn es für richtig hält.

Er versucht, sich um mich zu kümmern, mir zu zeigen, wie sehr er mich liebt in dieser schweren Zeit, und deshalb lasse ich mir seine übertriebene Fürsorge gefallen. Was kümmert es mich, wo ich sterbe? Denn darum geht es im Grunde. Es spielt keine Rolle mehr, wo ich wohne. Ich packe das Strandleben von Oregon, zu dem ich mich vor beinahe fünfzig Jahren hier niedergelassen habe, in Kartons. Es gibt nicht viel, was ich mitnehmen will. Doch eine Sache unbedingt.

Ich greife nach dem von der Decke hängenden Griff, mit dem die Speichertreppe heruntergezogen wird. Die Stufen falten sich von der Decke wie der Arm eines Gentlemans, der die Hand ausstreckt.

Die leichte Treppe schwankt unter meinen Füßen, als ich in den Speicher hinaufsteige, in dem es nach Staub und Schimmel riecht. Über mir hängt eine einsame Glühbirne. Ich ziehe an der Schnur.

Es sieht aus wie im Frachtraum eines alten Dampfers. Die Wände sind mit breiten Holzplanken verkleidet, Spinnweben schimmern silbrig in den Winkeln und hängen in Strähnen von den Fugen zwischen den Planken herunter. Das Dach ist so steil, dass ich nur in der Mitte des Raums aufrecht stehen kann.

Ich sehe den Schaukelstuhl, in dem ich saß, als meine Enkel klein waren, dann ein altes Kinderbettchen und ein zerschlissenes Schaukelpferd auf rostigen Federn und den Stuhl, den meine Tochter gerade neu lackierte, als sie von ihrer Krankheit erfuhr. An der Wand stehen mit Weihnachten, Thanksgiving, Ostern, Hallow een, Geschirr oder Sportsachen beschriftete Kartons. Darin sind Dinge, die ich nicht mehr oft benutze, von denen ich mich aber dennoch nicht trennen kann. Mir einzugestehen, dass ich zu Weihnachten keinen Baum schmücken werde, ist für mich wie aufzugeben, und im Loslassen war ich noch nie gut. Hinten in der Ecke steht, was ich suche: ein alter, mit Aufklebern gespickter Überseekoffer.

Mit einiger Anstrengung zerre ich den schweren Koffer in die Mitte des Speichers, direkt unter die Glühbirne. Ich hocke mich daneben, habe jedoch prompt solche Schmerzen in den Knien, dass ich mich auf den Hintern gleiten lasse.

Zum ersten Mal seit dreißig Jahren hebe ich den Deckel des Koffers. Der obere Einsatz ist voller Andenken an die Zeit, in der meine Kinder klein waren. Winzige Schuhe, Handabdrücke auf Tonscheiben, Buntstiftzeichnungen, die von Strichmännchen und lächelnden Sonnen bevölkert werden, Schulzeugnisse, Fotos von Tanzvorführungen.

Ich hebe den Einsatz aus dem Koffer und stelle ihn neben mir ab.

Die Erinnerungsstücke auf dem Boden des Koffers liegen wild durcheinander: mehrere abgegriffene ledergebundene Tagebücher; ein Stapel alter Postkarten, der mit einem blauen Satinband zusammengebunden ist; ein Karton mit einer eingedrückten Ecke; eine Reihe schmaler Gedichtbändchen von Julien Rossignol und ein Schuhkarton mit Hunderten Schwarzweißfotos.

Ganz oben liegt ein vergilbtes Stück Papier.

Meine Finger zittern, als ich es in die Hand nehme. Es ist eine carte d'identité, ein Ausweis aus dem Krieg. Das Bild im Passfotoformat. Eine junge Frau. Juliette Gervaise.

»Mom?«

Ich höre meinen Sohn auf der knarrenden Holztreppe, Schritte, die mit meinem Herzschlag übereinstimmen. Hat er schon vorher nach mir gerufen?

»Mom? Du solltest nicht hier oben sein. Mist. Die Stufen sind wacklig.« Er kommt zu mir. »Ein Sturz und ...«

Ich berühre sein Hosenbein, schüttle langsam den Kopf. Ich kann den Blick nicht heben. »Nicht«, ist alles, was ich sagen kann.

Er geht in die Hocke, setzt sich zu mir. Ich rieche sein Aftershave, dezent und würzig, und auch eine Spur Rauch. Er hat heimlich draußen eine Zigarette geraucht, eine Gewohnheit, die er vor Jahrzehnten aufgegeben und nach meiner Diagnose vor kurzem wieder angenommen hat. Es besteht kein Grund, meine Missbilligung zu äußern. Er ist Arzt. Er weiß es selbst.

Instinktiv will ich den Ausweis in den Koffer zurückwerfen und den Deckel zuklappen, ihn wieder verstecken. Wie ich es mein Leben lang getan habe.

Doch jetzt sterbe ich. Vielleicht nicht schnell, aber auch nicht gerade langsam, und ich sehe mich gezwungen, auf mein Leben zurückzuschauen.

»Mom, du weinst ja.«

»Wirklich?«

Ich will ihm die Wahrheit sagen, aber ich kann es nicht. Es macht mich verlegen, und es beschämt mich, dieses Versagen. In meinem Alter sollte ich mich vor nichts mehr fürchten – und ganz bestimmt nicht vor meiner eigenen Vergangenheit.

Ich sage nur: »Ich will diesen Koffer mitnehmen.«

»Der ist zu groß. Ich packe die Sachen, die du haben willst, in eine kleinere Schachtel.«

Ich lächle bei seinem Versuch, mich zu kontrollieren. »Ich liebe dich, und ich bin wieder krank. Aus diesen Gründen habe ich mich von dir bevormunden lassen, aber noch bin ich nicht tot. Ich will diesen Koffer mitnehmen.«

»Wozu sollen dir denn die Sachen nützen, die da drin sind? Das sind doch nur unsere Zeichnungen und solches Zeug.«

Wenn ich ihm die Wahrheit längst erzählt oder wenigstens mehr getanzt, getrunken und gesungen hätte, wäre er vielleicht imstande gewesen, mich zu sehen statt einer verlässlichen, normalen Mutter. Er liebt eine Version von mir, die nicht vollständig ist. Ich dachte immer, das wäre es, was ich wollte: geliebt und bewundert zu werden. Doch jetzt denke ich, dass ich in Wahrheit richtig gekannt werden will.

»Betrachte es als meinen letzten Willen.«

Ich sehe ihm an, dass er sagen will, ich solle nicht so reden, aber er befürchtet, seine Stimme könnte schwanken. Er räuspert sich. »Du hast es schon zweimal geschafft. Du schaffst es wieder.«

Wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Ich bin zittrig und schwach. Ohne medizinische Hilfe kann ich weder essen noch schlafen. »Natürlich schaffe ich es.«

»Ich will doch nur, dass du gut aufgehoben bist.«

Ich lächle. Amerikaner können dermaßen naiv sein.

Früher habe ich seinen Optimismus geteilt. Ich habe gedacht, die Welt sei ein sicherer Ort. Aber das ist schon sehr lange her.

»Wer ist Juliette Gervaise?«, fragt Julien, und es versetzt mir einen kleinen Schock, ihn diesen Namen aussprechen zu hören.

Ich schließe die Augen, und in der Dunkelheit, die nach Schimmel und längst vergangenem Leben riecht, schweifen meine Gedanken zurück in einem weiten Bogen, der über Jahre und Kontinente hinwegreicht. Gegen meinen Willen – oder vielleicht ihm zufolge, wer kann das wissen? – erinnere ich mich.

CHAPTER 2

ZWEI

In ganz Europa gehen die Lichter aus, wir alle werden sie zu unseren Lebzeiten nie wieder leuchten sehen.

SIR EDWARD GREY ZUM ERSTEN WELTKRIEG

August 1939 FRANKREICH

Vianne Mauriac trat aus ihrer kühlen Küche in den Vorgarten. An diesem schönen Sommermorgen im Loiretal stand alles in Blüte. Weiße Bettlaken flatterten in der Brise, und üppig blühende Kletterrosen entlang der Steinmauer, die ihr Grundstück vor Blicken von der Straße verbarg, boten einen fröhlichen Anblick. Geschäftige Bienen summten zwischen den Blüten, und von weit her hörte Vianne das pochende Stampfen eines Zuges und dann das bezaubernde Lachen eines kleinen Mädchens.

Sophie.

Vianne lächelte. Ihre achtjährige Tochter rannte vermutlich durchs Haus und scheuchte ihren Vater herum, während sie sich für das Samstagspicknick fertig machten.

»Deine Tochter ist ein Tyrann«, sagte Antoine, der an der Tür aufgetaucht war.

Er kam zu ihr, sein pomadisiertes Haar glänzte schwarz in der Sonne. Am Morgen hatte er an seinen Möbeln gearbeitet – einen Stuhl abgeschmirgelt, dessen Oberfläche schon so glatt war wie Satin –, und eine zarte Schicht Holzstaub lag auf seinem Gesicht und seinen Schultern. Er war ein großer Mann, hochgewachsen und breitschultrig, mit kräftigen Gesichtszügen und so starkem Bartwuchs, dass er sich zweimal am Tag rasieren musste.

Er legte seinen Arm um sie und zog sie an sich. »Ich liebe dich, Vianne.«

»Ich liebe dich auch.«

Das war das Fundament ihres Daseins. Sie liebte alles an diesem Mann.

Sein Lächeln, die Art, wie er im Schlaf murmelte, nach einem Niesen lachte oder unter der Dusche Opernarien sang.

Sie hatte sich fünfzehn Jahre zuvor in ihn verliebt, auf dem Schulhof, noch bevor sie überhaupt wusste, was Liebe war. Das erste Mal hatte sie in jeder Hinsicht mit ihm erlebt: den ersten Kuss, die erste Liebe, die erste Liebesnacht. Vor ihm war sie ein mageres, linkisches, unsicheres Mädchen gewesen, das zum Stottern neigte, wenn es eingeschüchtert war, was sehr oft vorkam.

Ein mutterloses Mädchen.

Du bist jetzt erwachsen, hatte der Vater zu Vianne gesagt, als er nach dem Tod ihrer Mutter mit ihr auf dieses Haus zugegangen war. Sie war vierzehn Jahre alt gewesen, die Augen vom Weinen verquollen, ihre Trauer unermesslich. Unversehens hatte sich dieses Haus vom Sommerhaus der Familie in eine Art Gefängnis verwandelt. Maman war weniger als zwei Wochen tot, als Papa seine Rolle als Vater aufgab. Bei ihrer Ankunft hier hatte er nicht ihre Hand gehalten oder ihr seine Hand auf die Schulter gelegt, er hatte ihr nicht einmal ein Taschentuch gegeben, mit dem sie sich die Tränen von den Wangen wischen konnte.

Aber ich bin doch noch ein Mädchen, hatte sie gesagt.

Jetzt nicht mehr.

Sie hatte zu ihrer jüngeren Schwester hinuntergesehen, Isabelle, die mit vier Jahren immer noch am Daumen lutschte und nichts von dem ganzen Geschehen begriff. Isabelle fragte in einem fort, wann Maman nach Hause käme.

Als die Tür geöffnet wurde, hatten sie eine große, dürre Frau vor sich, mit einer Nase wie ein Zapfhahn und Augen, die so klein und dunkel waren wie Rosinen.

Sind das die Mädchen?, hatte die Frau gefragt.

Ihr Vater nickte.

Sie werden keine Schwierigkeiten machen.

Es war so schnell gegangen. Vianne hatte es gar nicht richtig verstanden. Ihr Vater gab die Töchter ab wie einen Beutel Schmutzwäsche und ließ sie mit einer Fremden zurück. Der Altersunterschied zwischen den Schwestern war so groß, als kämen sie aus unterschiedlichen Familien. Vianne hatte Isabelle trösten wollen – jedenfalls hatte sie das vorgehabt –, aber ihre Trauer war so übermächtig, dass sie sich um niemand anders sorgen konnte, erst recht nicht um ein so eigensinniges und ungeduldiges und lautes Kind wie Isabelle. Vianne erinnerte sich noch gut an die ersten Tage damals in diesem Haus. Isabelle schrie immerzu, und Madame versohlte ihr den Hintern. Vianne hatte ihre Schwester angefleht, immer wieder gesagt: Mon Dieu, Isabelle, hör auf zu kreischen. Tu einfach, was sie sagt. Doch selbst mit vier Jahren war Isabelle nicht zu bändigen.

All das hatte Vianne ans Ende ihrer Kräfte gebracht – die Trauer um ihre Mutter, der Schmerz, von ihrem Vater verlassen worden zu sein, der plötzliche Wechsel ihrer Lebensumstände und Isabelles gefühlsbeladene, hilfsbedürftige Einsamkeit.

Es war Antoine, der Vianne rettete. In diesem ersten Sommer nach dem Tod ihrer Mutter wurden die beiden unzertrennlich. Mit ihm fand Vianne einen Ausweg. Kaum sechzehn, war sie schwanger, mit siebzehn war sie verheiratet und die Herrin von Le Jardin. Zwei Monate später hatte sie eine Fehlgeburt und verlor sich eine Zeitlang. Man konnte es nicht anders nennen. Sie verkroch sich in ihren Kummer, spann sich in einen Kokon ein, außerstande, sich um irgendetwas oder irgendjemanden zu kümmern – und ganz bestimmt nicht um eine bedürftige, jammernde kleine Schwester.

Aber das waren alte Geschichten. Nicht die Art Erinnerungen, die sie an einem so wunderschönen Tag haben wollte.

Sie lehnte sich an ihren Mann, während ihre Tochter auf sie zurannte und verkündete: »Ich bin fertig. Lasst uns losgehen.«

»Nun«, sagte Antoine grinsend, »die Prinzessin ist bereit, also müssen wir uns in Bewegung setzen.«

Vianne ging lächelnd ins Haus zurück und nahm ihren Hut von dem Haken neben der Tür. Mit ihrem rotblonden Haar, der zarten Porzellanhaut und Augen, die so blau waren wie das Meer, hatte sie sich schon immer vor der Sonne geschützt. Bis sie den breitrandigen Strohhut aufgesetzt und ihre Spitzenhandschuhe und den Picknickkorb zusammengesucht hatte, waren Sophie und Antoine schon vor dem Tor.

Vianne ging zu ihnen auf die unbefestigte Landstraße hinaus, die an ihrem Haus vorbeiführte. Sie war kaum breit genug für ein Auto. Dahinter erstreckten sich weite Heuwiesen, hier und da von grünen Flecken durchsetzt, auf denen roter Klatschmohn und blaue Kornblumen wuchsen. Zwischen den Wiesen lagen kleine Wäldchen. In diesem Abschnitt des Loiretals wurde mehr Grünfutter als Wein angebaut. Obwohl nur knapp zwei Zugstunden von Paris entfernt, befand man sich in einer vollkommen anderen Welt. Nur wenige Touristen verirrten sich hierher, nicht einmal im Sommer.

Gelegentlich rumpelte ein Auto vorbei, ein Radfahrer oder ein Ochsenkarren, meist aber war die Straße verlassen. Sie wohnten etwa anderthalb Kilometer von Carriveau entfernt, einem Städtchen mit weniger als tausend Einwohnern, das vor allem als Station der Pilger auf den Spuren Jeanne d'Arcs Bedeutung hatte. Hier gab es keine Industrie und wenig Arbeit – bis auf die paar Stellen auf dem Flugplatz, der den ganzen Stolz Carriveaus bildete. Es war der einzige Flugplatz in weitem Umkreis.

In der Stadt wanden sich enge Pflasterstraßen zwischen uralten Kalksteinhäusern hindurch, die krumm und schief aneinanderlehnten. Mörtel bröckelte aus den Mauern, Efeu verdeckte den Verfall, der zwar nicht zu sehen, doch überall zu spüren war. Das Städtchen war über Hunderte von Jahren aus krummen Straßen, schiefen Treppen und verwinkelten Sackgassen zusammengeschustert worden. Bunte Farben belebten das Dunkel des Mauerwerks: Rote Markisen leuchteten über schwarzen Metallgestängen, Geranien in Tontöpfen über schmiedeeisernen Balkongeländern. Überall zog etwas den Blick an: das Schaufenster mit pastellfarbenen macarons, grob geflochtene Weidenkörbe voller Käse, Schinken und saucissons, Stiegen mit schimmernden Tomaten, Auberginen und Gurken. Die Cafés waren an diesem Sonnentag gut besucht. Männer saßen um Metalltischchen, tranken Kaffee, rauchten selbstgedrehte braune Zigaretten und diskutierten lautstark.

Ein typischer Tag in Carriveau. Monsieur LaChoa fegte die Straße vor seinem Bistro, Madame Clonet putzte das Fenster ihres Schuhladens, und ein paar halbwüchsige Jungen schlenderten Schulter an Schulter durch die Stadt, kickten ab und zu Unrat von der Straße und reichten sich untereinander eine Zigarette weiter.

Hinter der Stadt bogen Vianne, Antoine und Sophie Richtung Fluss ab. An einer flachen grasbewachsenen Stelle am Ufer stellte Vianne ihren Korb ab und breitete im Schatten eines Kastanienbaums eine Decke aus. Sie nahm eine knusprige Baguette aus dem Korb, eine Ecke üppigen Doppelrahmkäse, zwei Äpfel, ein paar Scheiben hauchdünnen jambon de Bayonne und eine Flasche 36er Bollinger. Sie schenkte ihrem Mann ein Glas Champagner ein, setzte sich neben ihn und sah Sophie dabei zu, wie sie auf der Wiese spielte.

Die Zeit verging in der behaglichen Trägheit eines warmen Sonnentages. Sie unterhielten sich, lachten und genossen ihr Picknick. Erst spät am Nachmittag, als Sophie mit ihrer Angelrute am Flussufer saß und Antoine einen Gänseblümchenkranz für sie flocht, sagte er: »Hitler wird uns bald allesamt in seinen Krieg hineinziehen.«

(Continues…)



Excerpted from "Die Nachtigall"
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